Die aktuelle Grippe- und Corona-Welle zeigt einmal mehr, wie wichtig eine gesunde Immunabwehr ist. Für uns Mediziner:innen und Therapeut:innen liegt die Herausforderung nicht nur darin, akute Erkrankungen zu behandeln, sondern präventiv zu wirken und unsere Patient:innen und Klient:innen dabei zu unterstützen, ihre Immunabwehr nachhaltig zu stärken. Ein zentraler Ansatzpunkt: der Darm. 70–80 % des Immunsystems sitzen im Darm – eine beeindruckende Zahl, die uns vor Augen führt, wie eng Mikrobiom und Immunsystem miteinander verbunden sind. Doch wie können wir dieses Wissen in unserer Praxis nutzen? Und welche Faktoren beeinflussen diese Verbindung positiv oder negativ?
Das Darm-Immunsystem: Wie funktioniert die Verbindung?
Das Immunsystem und das Mikrobiom kommunizieren über die Darmwand miteinander. Diese Barriere ist nicht nur für die Nährstoffaufnahme entscheidend, sondern schützt auch vor Krankheitserregern und Schadstoffen.
Die Mikroorganismen im Darm – von Bakterien bis hin zu Viren und Pilzen – spielen eine aktive Rolle in der Regulation des Immunsystems. Sie helfen, eine Balance zwischen Immunreaktion und Immuntoleranz zu halten. „Gute“ Bakterien wie Bifidobakterien oder Lactobazillen wirken entzündungshemmend, während ein Übermaß an pathogenen Keimen Entzündungen fördern kann und die Darmbarriere schwächt.
Was schwächt das Mikrobiom – und damit das Immunsystem?
- Ernährung: Zucker, Weißmehlprodukte, stark verarbeitete Lebensmittel und zu wenig Ballaststoffe begünstigen die Vermehrung pathogener Keime.
- Antibiotika: Auch wenn Antibiotika in der akuten Therapie häufig unverzichtbar sind, zerstören sie oft die „guten“ Bakterien und hinterlassen eine dysbiotische Flora. Hier lohnt es sich, direkt ab Beginn der Antibiotika-Therapie und darüber hinaus mit Probiotika mitzuhelfen, sodass dem Mikrobiom gesunde Bakterien zur Verfügung stehen.
- Chronischer Stress: Dauerhaft erhöhte Cortisolwerte schwächen die Darmbarriere und fördern Entzündungen.
- Medikamente: Protonenpumpenhemmer, Schmerzmittel oder hormonelle Präparate können die Darmgesundheit ebenfalls beeinträchtigen, indem sie das Mikrobiom aus seinem natürlichen Gleichgewicht bringen.
Wie können wir das Immunsystem stärken?
Die Stärkung des Immunsystems beginnt mit einer stabilen Darmgesundheit, denn ein ausgewogenes Mikrobiom bildet die Grundlage für eine effektive Abwehr gegen Krankheitserreger. Gerade in Zeiten, in denen die Herausforderungen für die Immunabwehr wachsen – sei es durch saisonale Infekte, Stress oder ungesunde Lebensweisen – ist es entscheidend, gezielte Maßnahmen zur Unterstützung des Immunsystems zu ergreifen. Dabei steht nicht nur die Vorbeugung im Vordergrund, sondern auch die nachhaltige Förderung der Regeneration und Resilienz des Körpers. In unserer Praxis haben sich verschiedene Ansätze bewährt, die sowohl präventiv als auch therapeutisch effektiv sind:
1. Ernährungsumstellung
Patient:innen und Klient:innen profitieren von einer natürlichen Ernährung, in die möglichst wenig verarbeitete Lebensmittel inkorporiert sind und die Lebensmittel bestmögliche Qualität haben. Wie ich gerne sage, “das Beste ist gerade gut genug” und das stimmt auch. Insbesondere bei geschwächter Immunabwehr gilt es, viele Vitamine und Ballaststoffe zu sich zu nehmen. Weiterhin empfehlen sich präbiotische Lebensmittel wie Chicorée, Artischocken und Vollkornprodukte sowie fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut, Kefir oder Kimchi, denn diese liefern gesunde Bakterien direkt mit.
2. Gezielte Supplementierung
Probiotika und Präbiotika können das Mikrobiom nicht nur während der Antibiotika-Zufuhr gezielt unterstützen, sondern sind auch bei verschiedenen Erkrankungen wie entzündlichen Darmerkrankungen, Reizdarmsyndrom oder Allergien von großer Bedeutung. Sie helfen, die Darmflora zu stabilisieren, entzündliche Prozesse zu regulieren und die Darmbarriere zu stärken. Wichtig ist hier die Auswahl eines Präparats mit wissenschaftlich validierten Stämmen.
3. Stressmanagement und Schlafroutine
Stressreduktion durch Achtsamkeit, Bewegung oder gezielte Atemübungen stärken nicht nur die Psyche, sondern auch die Darmbarriere. Ein geregelter Schlafrhythmus lässt die Verdauung ihre Arbeit tun und fördert die Regeneration und den Erhalt der Mikroflora.
4. Vermeidung schädlicher Stoffe
Neben stark verarbeiteten Lebensmitteln enthalten besonders auch das Rauchen und Alkohol schädliche Stoffe. Informiere deine Patient:innen und Klient:innen ferner über mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten und wie sie durch Mikronährstoffe ausgeglichen werden können.
Das Mikrobiom in der Diagnostik und Therapie
Die Mikrobiom-Analyse ist ein relevantes Werkzeug für die gezielte Diagnostik und Therapie. Die Stuhldiagnostik ermöglicht die Erkennung von Dysbiosen, misst entzündliche Marker wie Calprotectin und liefert Informationen zur Barrierefunktion des Darms. Diese Ergebnisse bilden die Grundlage für individuelle Behandlungspläne: von der gezielten Probiotika-Supplementierung bis hin zu angepassten Ernährungsstrategien. Mit diesen Ansätzen kann das Mikrobiom effektiv unterstützt und eine nachhaltige Gesundheitsvorsorge gefördert werden.
Denn ein gesundes Mikrobiom ist nicht nur für die Infektionsabwehr entscheidend, sondern auch ein zentraler Faktor in der Behandlung chronischer Erkrankungen. Eine entzündungshemmende Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren, Ballaststoffen und vielfältigen Mikronährstoffen ist, unterstützt die Diversität der Darmflora und hilft, chronische Entzündungen zu reduzieren. Auch bei Autoimmunerkrankungen bietet die Modulation des Mikrobioms ein großes Potenzial: Probiotika können die Immunantwort regulieren und Entzündungsprozesse positiv beeinflussen. Die Verbindung zwischen Darm und Psyche zeigt ebenfalls Effekte. Probiotika, die die Serotoninproduktion anregen, fördern das emotionale Wohlbefinden und stärken die Resilienz gegen Stress.
Praktische Tipps für deinen Praxisalltag
Nicht nur zu Gunsten der Immunabwehr lohnt es sich, den Blick über die Symptome hinaus auf das zugrundeliegende Gleichgewicht im Darm zu richten. Ein gestärktes Mikrobiom unterstützt auch die allgemeine Regeneration und das Wohlbefinden unserer Patient:innen und Klient:innen. Um die Vorteile des Mikrobioms in der täglichen Praxis zu nutzen, kannst du folgende Maßnahmen integrieren.
Praxis-Tipps
- Gründliche Anamnese: In vielen Fällen bleibt der Darm in Standard-Anamnesegesprächen unberücksichtigt, besonders bei Grippe- und Erkältungssymptomen. Dabei ist der Darm ein Schlüsselfaktor für langfristige Immunabwehr. Ermutige deine Patient:innen und Klient:innen, dir auch von subtileren Beschwerden wie Verdauungsproblemen oder anhaltendem Stress zu berichten, die auf eine Schwächung des Mikrobioms hinweisen könnten. Dies schafft eine ganzheitliche Basis für die Behandlung.
- Ernährungsberatung: Die Ernährung ist einer der zentralen Hebel, um das Mikrobiom und damit die Immunabwehr gezielt zu stärken. Vermittle grundlegende Tipps zur Integration von ballaststoffreichen, prä- und probiotischen Lebensmitteln und biete gegebenenfalls personalisierte Ernährungspläne an, die den individuellen Bedürfnissen deiner Patient:innen und Klient:innen entsprechen. Auch einfache, alltagstaugliche Umstellungen wie der Verzicht auf stark verarbeitete Lebensmittel können bereits viel bewirken.
- Individualisierte Mikronährstofftherapie: Kläre über potenzielle Mikronährstoffmängel auf, die durch eine gestörte Darmgesundheit entstehen können, und biete gezielte Supplementierungsstrategien an. Besonders Zink, Vitamin D, Vitamin C und Omega-3-Fettsäuren spielen eine wichtige Rolle für die Immunabwehr.
- Routinekontrollen: Regelmäßige Stuhlanalysen sind ein wertvolles Werkzeug, um Veränderungen im Mikrobiom frühzeitig zu erkennen und gezielt darauf zu reagieren. Vollblutanalysen erlauben dir, den Mikronährstoffspiegel deiner Patient:innen und Klient:innen im Auge zu behalten. Dies ist besonders bei Patient:innen und Klient:innen mit chronischen Erkrankungen oder geschwächtem Immunsystem hilfreich. Erkläre den Nutzen solcher Kontrollen, um die Akzeptanz zu erhöhen und eine präventive Perspektive zu fördern.
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